Rotmilanprojekt - Ausgangssituation

Rotmilanprojekt - Ausgangssituation

Der Erhalt der Artenvielfalt ist zurzeit ein vieldiskutiertes Thema. Allerdings ist eine konkrete Verantwortung für einzelne Arten und Populationen nur in wenigen Fällen auf Ländergrenzen oder Verwaltungseinheiten übertragbar. Zu diesen Sonderfällen kann der Rotmilan (Milvus milvus) weitgehend gezählt werden. Etwa die Hälfte der Weltpopulation brütet in Deutschland und innerhalb der Bundesrepublik ist Sachsen-Anhalt sowohl hinsichtlich der Verbreitungsdichte als auch der Anzahl an Brutpaaren führend. Damit liegt ein großer Teil der Verantwortung für diese Art und ihre Verankerung in den Lebensgemeinschaften und Lebensräumen bei Deutschland und insbesondere auch bei den Flächenländern mit starken Populationen, wie Sachsen-Anhalt.

Mit Blick auf die jüngere Geschichte kann die Bestandsentwicklung im Bereich Sachsen-Anhalts wie folgt skizziert werden: Nach einer Zeit allgemeiner Verfolgung von Greifvögeln, die bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte, konnten sich die Bestände erholen. Landwirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen in der ehemaligen DDR wirkten sich, zwar überwiegend unbewusst aber dennoch deutlich spürbar, positiv auf den Rotmilanbestand aus. Dabei war der Schutz vor weiterer Verfolgung (Jagdschutz) und ein zunehmend besseres ‚Image’ der Art bei der Bevölkerung nur ein Aspekt, der zu dieser Entwicklung geführt hat. Maßgeblichen Anteil dürfte die günstige Nahrungsversorgung (hohe Fruchtartendiversität, verbreiteter Anbau von mehrjährigen Feldfutterkulturen, weitere Möglichkeiten für die Art Nahrung aufzunehmen z. B. an offenen Hausmülldeponien, Schlachthöfen bzw. Abdeckereien) und eine große Anzahl potenzieller Horstbäume in der offenen Landschaft (Anpflanzung von Hybridpappeln als Windschutzstreifen in den Jahrzehnten zuvor) einnehmen.

Umfassende Untersuchungen zur Siedlungsweise, Verhalten und Verbreitung des Rotmilans im Nördlichen Harzvorland federführend von B. Nicolai sowie von M. Stubbe für den Bereich des Hakels ergaben zahlreiche neue Erkenntnisse über die Art. Nach dem Maximum des Bestands von ca. 630 Brutpaaren auf 1.500 km² kalkulierter Gesamtfläche (im Bereich des nördlichen Harzvorlands) folgte ab 1991 ein massiver Einbruch der Population, so dass sich der Bestand bis zum Jahr 2006 nahezu halbiert hat (siehe Nicolai et al. 1993ff.).
Wesentliche Ursachen liegen in den Veränderungen der Landbewirtschaftung, die sich für die Region in erster Linie in Form einer starken Intensivierung auswirkte. Mit der Abnahme des zuvor hohen Viehbestands, reduzierte sich auch der Anbau von Feldfutter, Hackfrüchten sowie Grünland. Winterkulturen, insbesondere auch Raps, wurden nunmehr verstärkt angebaut; antropogen bestimmte Nahrungsquellen wie Hausmülldeponien und Abdeckereien wurden geschlossen beziehungsweise für Arten wie den Rotmilan unzugänglich gemacht (vgl. George 1995, 2004).

In zunehmendem Maß stellt sich auch die Situation der potenziellen Horstbäume als problematisch dar. Die, teilweise in umfangreichen Pflanzaktionen gesetzten, schnell wachsenden Bäume in der Feldflur (vor allem Pappelarten) haben vielerorts ihr natürliches Lebensalter erreicht und sterben ab. Die Pflanzungen weisen fast ausschließlich eine homogene Altersstruktur auf und sind entweder Reinbestände einer Art oder zumindest aus sehr wenigen Arten zusammengesetzt. Damit sind große Teile der Bruthabitate für den Rotmilan vom Verlust bedroht, da gerade die Pappelarten in der Region mit starker Mehrheit als Horstbaum bevorzugt werden (siehe Nicolai 2006).

Die geschilderte Ausgangssituation im Zusammenhang mit der Bestandsentwicklung war Anlass für die Vorbereitung des Projektes in unserer Region.

[zurück]